Niederrhein

Kappenwindmühle aus Cantrup Speicher aus Lürrip "Heyerhof" aus Korschenbroich "Togrund-Hof" aus Hoser/ Viersen Bockwindmühle aus Spiel Korbmacherhaus aus Hilfarth

Auf dem Land waren am Niederrhein einzeln gelegene Hofanlagen, genannt Einzelhofsiedlungen, ortsbildprägend. Zentrum der Hofanlagen am nördlichen Niederrhein ist das Hallenhaus, das verschiedene Nutzungsarten unter einem Dach beherbergt: Durch das giebelseitig gelegene Einfahrtstor gelangt man auf die Diele, die das Mittelschiff bildet. An den Längsseiten liegen die im Vergleich mit den Höfen der anderen Museumsbaugruppen recht großen Stallungen für Pferde und Kühe: Die Rinderhaltung spielte in weiten Teilen des Niederrheins eine große Rolle.


Der untere Niederrhein ist ein tiefliegendes Land. Bis zum Beginn der Industrialisierung war rund ein Fünftel der Landfläche nur als Weide zu gebrauchen: eine ewige Wiese, die wegen Überflutungen und hohem Grundwasserstand nicht beackert werden konnte. Auf den übrigen Böden war der Niederrhein aber immer recht fruchtbar. Das zeigt sich auch an den Bauernhöfen. Die Häuser sind verhältnismäßig groß, dazu gedacht, eine große Ernte und viel Vieh unterzubringen. Oft wurden sie noch um einen eigenständigen Speicher ergänzt. Diese Bauernhöfe bildeten keine Dörfer, sondern waren als Einzelhöfe gleichmäßig über das Land verteilt.

Am Niederrhein herrschte eine andere Wirtschafts- und Lebensweise als in den Mittelgebirgen. Daher wurden auch die Gebäude anders genutzt als etwa in der Eifel. Da die ausgedehnten feuchten Weiden das Halten von Rindern begünstigen, entwickelte sich eine Milch- und Käsewirtschaft, die der holländischen Tradition ähnlich ist. Im 16. Jahrhundert trat ein Gewerbe hinzu, das später den Arbeitsalltag verändern sollte: Die Tuchherstellung. Am Niederrhein gab es entsprechende Arbeitskräfte für dieses Handwerk: Hier galt das Anerbenrecht, bei dem der gesamte Bauernhof immer an den ältesten Sohn überging. Die jüngeren Geschwister mussten sich entweder als Knechte und Mägde bei ihrem Bruder anstellen lassen, oder aber sie wanderten in das Handwerk ab.


Bockwindmühle aus Spiel

!Momentan kann die Bockwindmühle wegen Restaurierungsarbeiten nicht von innen besichtigt werden!

Spiel ist ein Ort im Kreis Düren, einer ebenen Landschaft. Hier haben Bäche keine hohe Wasserkraft zu bieten. Hingegen steht Wind zur Verfügung. Dessen Nutzung war aber wie bei allen Mühlen in Mittelalter und früher Neuzeit monopolisiert: Der Landesherr legitimierte einen Müller, und bei diesem einen Müller musste die Bevölkerung ihr Getreide mahlen - Gegen Gebühren versteht sich, von denen der Landesherr einen Anteil erhielt. Auch in Spiel war die Mühle keine dörfliche Einrichtung, sondern stand auf halbem Wege zwischen Dorf und Gutshof. Die freie Lage an einer Landstraße sollte auch für guten Wind sorgen. Denn innerhalb einer geschlossenen Ortschaft wären die gerade unten stehenden Mühlenflügel von den Häusern abgedeckt worden und hätten kaum Wind eingefangen.

Die Mühle aus Spiel ist eine sogenannte Bockwindmühle: Das Mühlengebäude steht auf einem Holzgerüst. Dieser Bock dient als Lagerung, auf dem die Mühle gegen den Wind gedreht werden kann. Bei der Mühle aus Spiel, die 1782 gebaut wurde, musste dies von Hand geschehen. Der Müller hatte also zum Beginn der Arbeit nicht allein das Mahlwerk zu begutachten und an den Mühlenflügel die Segel zu setzen, sondern er musste auch den Wind beobachten.


Erdgeschoss

Die Arbeit der Mühle erforderte nicht nur der Kraft wegen mehrere Hände: Während unten das Mehl in Säcke gefüllt werden musste, hatte ein anderer Arbeiter unter dem Dach der Mühle die Kornsäcke außen heraufzuhieven und innen auf den Mühlstein zu entleeren. In der Regel waren kleinere Kornmühlen Familienaufgaben wie ein Bauernhof. Der Sohn diente beim Vater als Gehilfe und auch die Frau des Müllers musste ihren Teil zur Arbeit leisten. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert und der Erfindung der Kappenwindmühle gab es den Beruf des Mühlenknechts.

Als abhängige Arbeiter, meist mit Schlafplatz in der Mühle, verlief das Leben der Mühlenknechte nicht sonderlich gut. Ihnen blieb ungewiss, ob sie je eine Familie würden gründen können, geschweige denn, ob sie jemals selber eine Mühle pachten könnten.

Wegen ihres Monopols für die umliegenden Dörfer waren die Müller meist wohlhabend. Das brachte Ihnen aber auch den Neid der Bauern ein, zumal die Müller meist kein eigenes Land besaßen und damit aus der bäuerlichen Gemeinschaft völlig herausstachen. Besonders im Mittelalter traten die Bauern ihnen mit Misstrauen gegenüber. Damals wurde nämlich die Leistung des Mehlmahlens nicht mit Geld bezahlt. Als Lohn behielt der Müller einen Anteil am Korn, das der Bauer geliefert hatte. Manchem Müller musste man wirklich auf die Finger sehen, damit er seinen Anteil nicht doppelt nahm. Mancher ländliche Spott über die Müller (ob berechtigt oder neidisch) schlug sich sogar in Volksliedern nieder.


Obergeschoss

Im Dach sehen Sie die schräg nach außen hin ansteigende Flügelwelle. Von den vier Flügeln wird sie gedreht. Das große hölzerne Zahnrad auf der Welle, das sogenannte Kammrad, greift in das waagerecht liegende Kronrad. Dieses treibt die Mühlsteine an: Der obere Stein dreht sich auf dem stehenden unteren Stein. Von oben läuft aus dem Trichter das Korn zwischen die Steine, unten wird dann das Mehl aufgefangen und zum Abfüllen ins Untergeschoss hinabgeleitet.

Die Mühle mahlt nur das volle Korn zu Mehl, ohne das Mehl zu sieben. Deshalb konnte man das hier erzeugte Mehl nicht lange aufbewahren. Durch den Fettgehalt des Kornes wird Vollkornmehl schnell ranzig oder es beginnt zu schimmeln. Deshalb hatte der Müller zu allen Jahreszeiten gleich viel zu tun, weil die Bauern meist einmal in der Woche neu zum Mahlen kamen. Außerdem reichte ein einmaliger Durchgang des Getreides zwar für eine Grütze aus. Das Mehl war dann aber zum Backen noch zu grob. So hievte man das Mehl wieder nach oben, um es mehrmals hintereinander durch die Steine laufen zu lassen. Erschwert wurde das Leben in der Mühle durch den Mehlstaub, und sonderlich leise war der Arbeitsplatz des Müllers auch nicht.


Kappenwindmüphle aus Cantrup

Es handelt sich um eine der modernen Windmühlen, eine sogenannten Holländer- oder Kappenwindmühle.

Der Bau von Windmühlen begann in Mitteleuropa erst im Lauf des Mittelalters. Um den Wind einfangen zu können wurde bei den älteren Windmühlen die ganze Mühle in die Windrichtung gedreht. Dafür durfte die Mühle nicht zu groß sein, denn sonst wäre sie zum Drehen zu schwer geworden. Wollte man aber mehr Wind einfangen, brauchte man größere Flügel und also eine größere, schwerere Mühle.

So ging man im Holland des Spätmittelalters dazu über, nur das Dach der Mühle, die sogenannte Kappe mit den Flügeln, nach dem Wind auszurichten. Mit der Erfindung der Kappenwindmühle müssen nun tatsächlich nur die Flügel gegen den Wind gedreht werden. Der Mühlenbau bleibt stehen.

Die Mühle aus Cantrup wurde 1780 gebaut. Ursprünglich sollte sie auf einer sogenannten Landwehr, einem Grenz-Wall, errichtet werden, damit sie höher im Wind stünde. Doch sind Landwehren nun einmal Grenzen und daher umstrittener Grundbesitz: Der Landesherr des angrenzenden Territoriums ließ den Rohbau der Mühle kurzerhand abreißen – man gönnt dem Nachbarn eben nichts. Nachdem sie in Cantrup an anderem Platz errichtet worden war, blieb die Windmühle lange in Betrieb und wurde im 19. Jahrhundert umfangreich modernisiert: Überall im und auch außen am Gebäude können Sie Getriebeteile finden, die aus industriezeitlichem Gusseisen hergestellt sind.

Im ersten Obergeschoss ist der Raum mit den Mahlgängen. Durch die Größe ihrer Flügel konnte diese Holländer-Windmühle gleich zwei Mahlsteine gleichzeitig antreiben. Das wurde zum Beispiel genutzt, um den ersten Arbeitsschritt - das Grobmahlen - mit dem folgenden Feinmahlen zu kombinieren. Dann schüttete man das Schrot aus dem ersten Mahlgang sofort in den zweiten Mühlstein, der auf einen geringeren Steinabstand eingestellt worden war. Stattdessen konnte man aber auch gleichzeitig zwei verschiedene Getreidesorten für den selben Bauern mahlen oder man mahlte für zwei Bauern gleichzeitig.

Hinter den holzverkleideten Mahlgängen, in denen die Steine laufen, sehen Sie jeweils einen starken Holzpfosten, an dem wie ein Kran eine Eisenzange angehängt ist. Mit diesen Zangen wurde der obere Mahlstein, der sich drehende Läuferstein, abgehoben und auf die Seite geschwenkt. Das war nötig, damit in regelmäßigen Abständen die Rillen in der Mahl-Oberfläche nachgehauen werden konnten. Wie oft das geschah, war abhängig davon, wie hart der Stein war, aus dem die Mahlsteine gemacht waren. Für die Rillen im Stein gab es über die Jahrhunderte verschiedene Muster. Erst im 18. und 19. Jahrhundert setzte sich ein vergleichsweise schlichter Behau durch. In den Rillen auf der Steinoberfläche wanderten die Getreidekörner beim Drehen des Steins von innen nach außen. Dabei wurden sie an der Kante der Rille zerrieben.


In der Durchfahrt

Durch eine Bodenluke wurden die Getreidesäcke unmittelbar aus den Wagen in die Mühle hinaufgezogen. Der Seilzug dafür wurde vom Wind angetrieben. Bei einem Gewicht von üblicherweise ein bis zwei Zentnern je Sack war das eine beträchtliche Arbeitserleichterung. Es setzte jedoch voraus, dass das Fuhrwerk in die Durchfahrt kam. Der Ackerwagen des Bauern hatte sich über Jahrhunderte kaum verändert. Seine mit einem Eisenring beschlagenen Holzräder rollten auf lehmigen, unbefestigten Wegen sehr gut – außer auf Sand. Der Wagenaufbau konnte mühelos der jeweiligen Fracht angepasst werden.

Mal fuhr er als Leiterwagen, mal mit einem Kasten. In den Mittelgebirgen und in den sumpfigeren Gebieten am Niederrhein wurden statt dieser vierrädrigen Ackerwagen meist Karren verwendet. Die Karren hatten nur eine Achse, und ein Teil des Wagengewichts lastete über die Deichsel auf dem Rücken des Zugtiers. Gerade Pferde lieben diese schaukelnde Belastung beim Zug nicht. Doch war der Karren nicht nur der geringen Größe der Bauernhöfe angepasst, sondern auch besonders wendig. Karren wurden den Wagen also überall dort vorgezogen, wo die Wege besonders schlecht oder steil und die Höfe klein waren.


Togrund-Hof aus Viersen Hoser

Das Torhaus des Togrund-Hofs aus Viersen-Hoser wurde im 18. Jahrhundert errichtet und diente dem Bauern als zusätzlicher Stall. Dennoch ging es den Menschen auf dem Togrund-Hof nie sonderlich gut, denn er stand in einer feuchten Niederung: Der Name To-Grund bedeutet „zum Grund“, also zur Senke gehörend.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab man die Landwirtschaft auf dem Togrund-Hof auf. Die Kleinstadt Viersen hatte in der Zeit der Industrialisierung eine Maschinenfabrik bekommen, in der der Bauer als Fabrikarbeiter Geld verdienen konnte. Fast alle Arbeiter der Industrialisierung waren vorher Kleinbauern gewesen.

Durch die Agrarmodernisierungen nahm die Zahl der Menschen ab, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Zugleich entwickelte sich in Deutschland seit 1870 eine Industrie-Arbeiterschaft. Nicht alle Arbeiter wohnten in der Stadt. Natürlich kam es zum berühmten Wachstum der Großstädte. Doch im Umfeld der Industriezentren veränderten sich auch die Dörfer: Einige wenige Bauern kauften das Land der Nachbarn. Sie wollten in immer größerem Umfang Lebensmittel zur Versorgung der Stadt anbauen. Die landlosen Dorfbewohner aber wurden zu Arbeitspendlern: Mit der Eisenbahn, vor allem auch mit dem Fahrrad fuhren die ehemaligen Kleinbauern und Landarbeiter zu den Fabriken. Hoser liegt rund zehn Wegminuten vom Stadtzentrum Viersens entfernt, und auch die wichtige Industriestadt Mönchengladbach ist mit dem Fahrrad zu erreichen. 1930 gaben die Bewohner des Togrund-Hofes ihre Landwirtschaft endgültig auf und lebten von ihrem Einkommen als Fabrikarbeiter.

Die Mutter des letzten Besitzers erzählt: „Wir hatten den Ackerbau aufgegeben und mein Sohn fuhr zum Arbeiten nach Viersen hinein, jeden morgen, auch samstags. Damals war das ja noch so: viel Arbeit für wenig Lohn. Aber mit dem Ackerbau hatte das Geld nicht mehr gereicht. Wir hatten uns noch Hühner dabehalten. Hier rechts an der Wand ist die Hühnerleiter noch da. Auch der Schrank darunter ist von damals, auch der Tisch. Da stand immer alles möglich drauf, den ganzen Tag über, wir hatten nicht genug Regale. Ach, was waren wir arm, obwohl wir doch das Land verkauft hatten. Aber nicht alles, hatte mein Mann uns gepredigt, nicht alles Land verkaufen, das sei wie Mord! Wie Mord an dem Hof. Da hatten wir also weniger Erlös von dem Verkauf … Da hinten links, der Ofen: Den hatten damals wir auch schon. Als ich noch klein war hatte ich da ein bisschen Angst vor dem Herd: Das Ofenrohr war sehr heiß. Das war schon gut, dass ich als kleines Mädchen da nicht ranging vor Angst. Ja, das war schon ganz gut so!“


Stube

1930 waren die stadtnahen Dörfer schon an das elektrische Stromnetz angeschlossen. An der Decke hängt eine einfache Lampe dieser Zeit. Dagegen waren Kanonenöfen wie dieser hier schon im 19. Jahrhundert in Gebrauch. Um 1930 mischten sich alte Geräte und Gepflogenheiten mit technischem Fortschritt, und auch das Familienleben änderte sich. Geistig aber wurden die Menschen gerade im ländlichen Raum und in den Kleinstädten noch vollkommen vom patriarchalischen Weltbild der vergangenen Jahrhunderte beherrscht. Auch Verständnis für die Demokratie wuchs in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg langsam heran.

Verschiedene Gründe kamen zusammen, als die Weimarer Republik von der Nazi-Diktatur abgelöst wurde. Eine Rolle dabei hat aber sicher auch die Armut der 1920er Jahre gespielt: Der Demokratie wurden die Folgen des Ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise angelastet. Und diese Folgen hatten die Menschen tagtäglich vor Augen: der abgewetzte Tisch, die abgenutzte Bank, der Schrank in der Zimmerecke, der zu klein war.


Heyerhof aus Korschenbroich

Der Heyerhof war ein Einzelhof in der Bauerschaft Herzbroich nördlich von Korchenbroich. Er gehörte bis 1794 zur reichsunmittelbaren Herrschaft Myllendonk. 1834 hatte der „Kotten Heyerhof“ ein Wohngebäude und drei Wirtschaftsgebäude mit fünf Einwohnern.

Das Hauptgebäude ist ein dreischiffiges Hallenhaus von vier Fachen. Der durch das Tor am Giebel erschlossene Stallteil enthält die Futterdiele im Mittelschiff und die Ställe in den seitlichen Kübbungen. Wie auch im Viersener Hallenhaus lagen links der Pferde- und rechts der Rinderstall. Stallteil und Herdraum sind durch eine Scherwand mit Tür voneinander getrennt. Diese Abtrennung ist ein Hinweis auf den Wohlstand und den vergleichsweise gehobenen Lebensstandard der Besitzer dieses relativ großen Hofes.


Herdraum

Wie am Niederrhein noch im 17. Jahrhundert üblich, war der Herdraum mit einem einfachen Feuerplatz ausgestattet. Man konnte auf dieser Fläche das Feuer größer oder kleiner machen. Aber es war mühsam, die richtige Temperatur durch die Größe des Feuers zu regulieren. Die elegantere Lösung besteht darin, den Abstand des Topfes zum Feuer zu verändern: Der Topf wurde über den Flammen frei aufgehängt und zwar je nachdem, wie heiß er werden sollte, höher oder tiefer.


Buttergöpel

Um Butter zu bereiten, wird sauergelegte Milch solange bewegt, bis die Fett-Tröpfchen ausflocken. Oft wurde die Milch dazu in einem Butterfass mit einem großem Kartoffelstampfer bearbeitet. Das Fass, das Sie hier sehen, enthält hingegen ein Rad mit Holzflügeln, das zum Schlagen der Milch gedreht wurde. Weil das Bewegen der Milch eine langwierige Arbeit ist, bis die Butter sich bildet, hat man diese Mühe im 19. Jahrhundert bisweilen den Tieren überlassen. Das große Laufrad ist der Antrieb eines mechanisierten Butterfasses. Ein Hund übernahm die Arbeit, in dem er in das Rad eingesperrt wurde und darin vorwärtslief - wie in einem Hamsterrad. Nicht unbedingt so freiwillig wie ein Hamster, aber für ein Jagdtier immerhin keine übermäßige Anstrengung.


Schlafkammer

Die Schlafkammer war der einzige private Raum im Haus. Er war den Hofeltern vorbehalten, dem Bauern und seiner Frau, und ihren kleinen Kindern.

Die anderen Menschen des Heyerhofs hatten keinen solchen Raum, um sich zurückzuziehen. Ihre Schlafplätze wurden in öffentlichen Teilen des Hauses eingerichtet. Die Knechte und Mägde eines Bauernhofes im Anerbrechtsgebiet hatten keine Privatsphäre, und sie konnten nicht heiraten. Heirat bedeutete die Bildung einer Wirtschaftsgemeinschaft auf der Basis von Besitz - und wer landlos und ohne eigenes Haus war, hatte dazu keine Möglichkeit. Das Gesinde wurde wie Kinder behandelt, auch wenn diese Menschen dreißig oder fünfzig Jahre alt waren. Und wenn es bei ihnen zu außerehelichem Liebesakt kam, hatte der Pfarrer zwar moralische Einwände. Die ländliche Gesellschaft jedoch betrachtete dies meistens mit einer amüsierten Gutmütigkeit. Die Sexualität des Gesindes wurde von den vollbäuerlichen Gruppen wie ein Fehltritt von Minderjährigen betrachtet.

Das bedeutet aber nicht, dass es keine sexuellen Übergriffe zwischen den heiratsfähigen und den besitzlosen Gruppen gab. Es kam vor, dass der Hausvater eine Magd sexuell „beanspruchte“ oder unter körperlichem Zwang vergewaltigte. Solche Vorfälle wurden von der Architektur der Bauernhäuser begünstigt. Zwar ließ sich der Geschlechtsakt kaum verbergen. Doch gerade die starke Kontrolle, der Mangel an Privatsphäre, die Aufnahme fremder Mägde als „Kinder“ der Hof-Familie erleichterte den Zugriff auf den einzelnen Menschen und seinen Leib.

Der Betthimmel ist eine Erfindung des Mittelalters und diente dazu, Staub und Dreck abzuhalten, der durch die Ritzen der Holzbretter der darüber liegenden Ernteböden herab rieselte. Mit dieser Form des Bettenbaus waren auch Gewohnheiten verbunden, die sich in Redensarten niederschlugen. So legte man etwas sehr wertvolles oben auf den Rahmen des Himmelbettes, die „hohe Kante“, um es auch nachts zu schützen.

In einem Bauernhaus gab es keine eigentliche Privatsphäre. Eigene Utensilien, gar Geheimnisse hatte man nicht - Besitz war zuerst immer der Besitz des Hofes, auf dem man lebte.

Gerade das Gesinde hatte auch kaum Einkünfte, von denen es etwas erwerben konnte. Es war der Bauer, der Vorstand des „ganzes Hauses“, der durch den Verkauf eines Teils der Ernte in den Besitz von Geld gelangte. Davon hatte er die Pacht an den Grundherren und die Abgaben an den Landesherrn, an den Pfarrer und andere Steuern zu zahlen. Für unvorhergesehene Belastungen musste er eine Rücklage bilden. Doch solche Ersparnisse wurden schnell aufgezehrt: Durch Heiratssteuer, wenn der Landesfürst heiratete, oder für Schäden am Haus, die nur von Handwerkern gegen Lohn repariert werden konnten.

Die Stube des Heyerhofes unterscheidet sich von der Stube kleinerer Hallenhäuser beträchtlich. Zum einen ist sie größer, zum anderen hat sie den Luxus eines eigenständigen Kamins: Die Stube wird nicht indirekt vom Herdraum aus beheizt. Ein eigenes Feuer erwärmt diese Stube. Für den Rauchabzug gibt es einen zweiten Kamin auf der anderen Mauerseite. Die Stube ist als ausgesprochener Festraum zu betrachten: Im Alltag wurde die Stube kaum genutzt. Das Mobiliar wurde geschont, und der Kamin war kalt. Sonntags und an Festtagen aber versammelte man sich hier nach dem Kirchgang. Natürlich wurden auch die großen Familienfeiern hier begangen. Bei den bedeutenden Ereignissen reichte der Platz in der guten Stube nur für die Honoratioren des Dorfes.


Backhaus

Wegen der Feuergefahr wurden Backöfen meist als eigenständige kleine Gebäude errichtet. Zum Backen wurde das gemauerte Ofeninnere durch ein Holzfeuer erhitzt. Hatte der Stein die nötige Temperatur erreicht, wurde das Feuer aus dem Ofen entfernt. Dabei wurden die heiße Asche und eventuell noch brennende Holzstücke herausgezogen. Diese Glut fiel auf den Boden. Nachdem der heiße Backofen mit etwas Wasser gesäubert war, konnte das Brot eingeschoben werden. Es waren aber nur die größeren Bauernhöfe, die sich einen eigenen freistehenden Backofen leisten konnten.

Besonders die unterbäuerlichen Schichten waren darauf angewiesen, dass sie von einem Hof Brot kaufen konnten, wenn es kein Gemeindebackhaus (s. Baugruppe Westerwald Gemeindehaus aus Löhndorf/Backstube) wie in den Mittelgebirgen gab. Brotkaufen konnte ins Geld gehen und kostete einen Handwerker in der Stadt bisweilen mehr als ein Drittel seines ganzen Einkommens. So zahlte es sich aus, als Knecht bei einem Bauern arbeiten zu dürfen, der einen eigenen Ofen auf seinem Hof besaß.


Wehrspeicher aus Mönchengladbach-Lürrip

Der rechteckige Grundriss, das abgewalmte, d.h. „vierseitige“ Dach und die zwei Geschosse, das mit zusätzlichen Riegeln verstärkte Fachwerk des Erdgeschosses, oft umgeben von einem Wassergraben – all das macht diese Lagerhäuser zu einem eigenen Bautyp. Es gab sie in dieser Form nur am Niederrhein. Seit dem Spätmittelalter sind die „Spieker“ am Niederrhein bekannt. Auch später, in Stein gebaut, haben sie ihre grundsätzlichen Merkmale nicht verändert.

Die Bauweise ergab sich aus den Aufgaben des Speichers: Die Ernte, Wertgegenstände und auch die Bewohner des Hofes sollte der Wehrspeicher schützen. Um beispielsweise gegen Feuer zu schützen, wurden die Speicher meist im Abstand vom Hof errichtet. Je nach Lage des Hofes musste der Speicher auch vor Hochwasser schützen.

Und bis zur Erfindung der Schusswaffen war er vor allem ein Fluchtturm vor Räubern und Soldaten. Trotz aller territorialen Zwistigkeiten der Herrscher und trotz der umherstreichenden Desperados waren ruhige Zeiten eher die Regel. Dann diente der Speicher hauptsächlich seinem alltäglichen Zweck, dem Lagern von Vorräten.

Weil der Speicher aber solch ein solides Gebäude war, regte sich der Gedanke, gleich im Speicher zu wohnen. Man saß dann sozusagen auf dem Hab und Gut. Zumindest, wer nicht mehr arbeiten musste und in seinem Haus keine Ställe und Werkstätten mehr benötigte, konnte in seinen Speicher umziehen.

Der Speicher aus Mönchengladbach-Lürrip wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem Wohn- und Wirtschaftshaus ausgebaut. Das Volumen des Gebäudes wurde dabei mehr als verdoppelt. Bei der Übernahme des Gebäudes in das Freilichtmuseum erinnerte vor Ort nichts mehr an den Kernbau aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, der später im Museum wiedererrichtet wurde.


Haus aus Mönchengladbach-Engelbleck

Das Haus aus Mönchengladbach-Engelbleck ist ein unscheinbares Kleinod. Denn an ihm haben wir die seltene Möglichkeit, uns einen Eindruck von einem mittelalterlichen Bauernhaus zu machen. Das Haus geht auf das Jahr 1476 zurück. Vermutlich zeigt es eine noch deutlich ältere Bauform. Im Kontrast zu den jüngeren Fachwerkhäusern des Museums erkennt man sofort die ungewöhnliche Konstruktion, bei der die meisten Holzbalken unter einem Lehmputz verborgen sind. Von außen sieht man deshalb große Abstände zwischen den Ständern und Riegeln.

Tritt man näher heran, fällt auch eine recht archaische Art der Verbindung zwischen den Bauhölzern auf. Solche Häuser bildeten die Alltagswelt einer Zeit, da gesellschaftliche Machtverhältnisse in Bewegung kamen: Zwischen den Städten und Fürsten, zwischen freien Kaufleuten und der überkommenen Planwirtschaft der Gilden und Zünfte. Es gab zu dieser Zeit zwar nur selten eine wirkliche Hungersnot. Doch die Lebensqualität hing von Jahr zu Jahr von der Ernte ab. Denn Wirtschaftsteil und Wohnabschnitt sind nicht durch eine Wand getrennt. Soweit sich die ursprüngliche Raumaufteilung rekonstruieren lässt, lag der Stall unmittelbar hinter dem Eingangstor und quer zum Rest des Hauses. Das ist ungewöhnlich für Hallenhäuser. Hinter dem Stall schließt sich in diesem Haus ein einziger großer hoher Raum an, in dem sich das familiäre Leben abspielte. Hier wurde gekocht, gearbeitet, Vorräte wurden gelagert und von hier aus wurde auch das Vieh gefüttert. Nur in den Seitenschiffen links und rechts waren vermutlich Kammern abgetrennt. Über deren genaue Nutzung ist aber nichts bekannt. Zum Lagern des Getreides und für das Aufbewahren von Schinken im Rauch befand sich an der rückwärtigen Giebelwand eine Rauchbühne. Das Haus hatte noch keinen Schornstein.

So bescheidenen, wie das Haus ist, so bescheiden blieb auch das bäuerliche Leben lange Zeit. Die hohen Erträge am Niederrhein erforderten große Häuser, die eine große Ernte aufnehmen konnten. Doch die Bauernfamilie musste ohne Intimität und Wohnlichkeit auskommen.


Ausstellung links

Die Vitrinen links zeigen ein Modell, das ein Fachwerkhaus im Rohbau zeigt: Die Hölzer bilden ein Skelett des Hauses. Die offenen Felder zwischen den Hölzern, die sogenannten Gefache, wurden mit einem Baumaterial ausgekleidet, das kein Gewicht zu tragen hat. Seit vorhistorischer Zeit war dies Lehm, meist um Holzstecken herumgewickelt. Seit dem 19. Jahrhundert wurden auch vermehrt Lehm- oder Ziegelsteine genommen, um die Gefache zu füllen.

Im Hauptraum zeigt die linke Vitrine, wie ein solches Fachwerkgerüst errichtet wurde: Die einzelnen Hölzer wurden zugesägt und bekamen an ihren Enden Zapfen oder Löcher, um untereinander verbunden zu werden. Die Art dieser Holzverbindungen hängt auch von der Epoche ab, in der das Haus errichtet wurde.

Um die Holzteile beim Aufbau in die oberen Etagen zu bringen, wurden Flaschenzüge verwendet. Am Ende der großen Vitrine ist ein solcher Kran aufgebaut. Am Ende des Hauses zeigt die kleine Vitrine links Muster für die Holzverbindungen. Die Balken konnten in verschiedenem Winkeln zusammengesetzt werden, meist benötigte man aber nur den rechten Winkel und Verbindungen im Winkel von fünfundvierzig Grad. Gesichert wurden diese Überblattungen oder Verzapfungen durch Holzbolzen. Eiserne Nägel waren über Jahrhunderte zu teuer. Meistens sind sie auch zu dünn und schwach. Vor allem aber: Eisennägel rosten, Holznägel nicht.


Ausstellung Mitte

Hier sind die drei wichtigsten Arten von Dach-Bedeckungen ausgestellt. Links steht das verkleinerte Modell eines Strohdaches, wie es über Jahrtausende bei den verschiedensten Kulturen und Hausformen üblich war. Wo ein Gewässer in der Nähe war und Reet wuchs, nahm man statt Stroh auch gerne die Stängel des Reets. Reetdächer halten bis zu vierzig Jahre, ein Dach aus langem Roggenstroh kann fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre alt werden. Das mittlere Modell zeigt ein Schieferdach. Gerade im Bergischen Land und der Eifel war Schiefer das Material der Wahl: Denn Schiefer ist der einzige Stein, der sich so leicht spalten lässt, dass daraus dünne Tafeln hergestellt werden können. Zwar gab es in manchen Gegenden Europas auch Dächer aus dicken Steinplatten. Doch ein solches Steindach ist sehr schwer und erfordert ein aufwändige und stabile Dachkonstruktion.

Das rechte Modell zeigt den Aufbau eines moderneren Daches mit Dachziegeln. Erst mit den großen Ziegel-Brennöfen im 19. Jahrhundert wurden Dachziegel so billig, dass auch die bäuerliche Bevölkerung sie sich leisten konnten. Um die Ziegel, die nicht immer genau aufeinander passten, sauber verlegen zu können, legte man aber noch kleine Strohbündel dazwischen.


Ausstellung rechts

Die Vitrinen rechts zeigen ein einzelnes Gefach aus einer Fachwerkwand, an dem die Schichten der Füllung freigelegt sind: In Löcher oder Nuten am oberen und unteren Holz, den sogenannten Rähmen, wurden zunächst Staken eingesetzt. Diese wurden dann waagerecht mit Geflecht umwickelt. Um diese Ausfachung abzudichten, bewarf man sie mit feuchtem, gut durchgeknetetem Lehm. Im Geflecht blieb der Lehm hängen. Die Oberfläche wurden dann glatt gestrichen und gekälkt.

Im Hauptraum zeigt eine große Vitrine Modelle des Innenausbaus. Die Fußböden eines Bauernhauses wurden lange Zeit nur aus Lehm gestampft. In der Neuzeit ging man nach und nach dazu über, zumindest den Wohnteil zu pflastern. Verschiedene Fußboden-Arten werden gezeigt. Dabei wurden auch Materialien verwendet, wie sie auf einem Bauernhof anfielen - in Stücke zersägte Tierknochen zum Beispiel.

Auch die Zimmerdecken blieben meistens schmucklos. Im 19. Jahrhundert kamen aber zum Teil aufwändige Verkleidungen in Mode. Recht verbreitet war die sogenannte Kölner Decke, bei der ein Putz die Balken und Dielen überzog. Die Enden zwischen zwei Deckenbalken wurden bei der Kölner Decke halbrund ausgestaltet.

Im Eingangsbereich informiert die letzte Vitrine darüber, was dem Fachwerkbau als wichtigste Voraussetzung zu Grunde lag: Das Holz. Im Rheinland wurde vor allem Eichenholz verwendet. Es ist wegen seiner Dauerhaftigkeit bis heute sprichwörtlich. Doch die Zimmerleute der Vergangenheit machte dieses Holz krank: Wegen des hohen Gehaltes an Gerbsäure verursacht das Sägemehl von Eichenholz Lungenkrebs. Beim Balkensägen haben Generationen von Handwerkern diesen Staub eingeatmet.