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Schulreform in den 1960er Jahren
Das LVR-Freilichtmuseum Kommern / Rheinisches Landesmuseum für Volkskunde zeigt vom 27. April bis zum 19. April 2009 die Ausstellung „Von der Volksschule zum Schulzentrum – Schule seit der Nachkriegszeit". Die Ausstellung beleuchtet verschiedene Phasen der Schulentwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg war auch der Schulalltag von Mangel und Zerstörung geprägt. Viele Schulgebäude waren zerstört, die Möbel verheizt, das Lehrmaterial ideologisch verfälscht.
Die Fünfziger Jahre waren gekennzeichnet von einer Art Restauration des alten Schulsystems, wofür etwa die konfessionsgebundenen Volksschulen stehen. Erst Ende des Jahrzehnts wandelte sich das Schulwesen durch den sog. „Sputnik-Schock" (die Reaktion des Westens auf den Start des ersten sowjetischen Satelliten Sputnik) und durch vehemente Kritik am deutschen Bildungssystem und an den ungleichen Bildungschancen.
Die Volksschulen wurden zu Grund- und Hauptschulen umgestaltet. Daneben existieren bis heute Mittel-/Realschulen und Gymnasien. Neben dem dreigliedrigen, vertikalen Schulsystem entstanden die Gesamtschulen, die den Gedanken der Chancengleichheit aufnahmen. In der Ausstellung werden Unterrichtsmaterialien wie Schulwandbilder, Lehr- und Übungsspiele für den Unterricht, Schulmöbel und vieles andere gezeigt. Ein Bereich widmet sich den Lehrern und Lehrerinnen sowie den Aushilfslehrern und Aushilfslehrerinnen, den so genannten Mikätzchen und Mikatern.
Sabine Tenta, WDR-online, hat Impressionen der Ausstellung auf die WDR-online-Seiten gestellt. Außerdem finden Sie einen Film-Beitrag auf WDR.de hier.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Schulalltag von Zerstörung und Mangel geprägt. Beim Einmarsch der Alliierten wurden die Schulen, sofern sie das nicht schon längst kriegsbedingt waren, geschlossen. Viele Schulgebäude waren durch Bomben zerstört - in Köln waren etwa 92% des gesamten Bestandes. Schüler und Lehrer räumten als Teil des Unterrichts gemeinsam die Schule auf und bauten sie wieder auf.
Lehrer aber auch das Lehrmaterial musste entnazifiziert werden. Schulhelfer sollten den Mangel an Lehrkräften überbrücken. Ganz elementare Dinge, wie Tafeln oder Papier fehlten ganz. Viele Kinder waren unterernährt und hatten kaum Kleidung. Ein wenig Linderung brachte die durch amerikanische Spenden ermöglichte Schul-speisung. Die Kinder brachten Gefäße von Zuhause mit in die Schule und bekamen so mittags wenigstens eine warme Mahlzeit, meistens bestehend aus einer Suppe.
Die von der britischen Militärregierung angestrebte Reformierung des Schul-systems verlief schleppend. Die Errichtung einer Einheitsschule scheiterte in Nordrhein-Westfalen am Wunsch der Bürger nach konfessionell getrennten Volksschulen. Auf dem Land gab es immer noch viele einklassige Volksschulen, in denen alle Kinder in einer Klasse unterrichtet wurden.
Anhand des Schulmobiliars lässt sich viel über das Konzept der Schule aussagen.
Nach dem Krieg gab es, wie auch schon in den Jahren zuvor, Bänke, die direkt mit dem Tisch verschraubt waren. Die Schüler saßen hintereinander in Reihen. In den Bänken konnten die Schülerinnen und Schüler nur sehr angespannt sitzen. Zurücklehnen oder Beine ausstrecken war unmöglich.
Ende der 1950er/ Anfang der 1960er Jahre kamen dann allmählich einzelne Stühle und Tische auf, die man nicht mehr in Reihen hintereinander stellen musste. Sie boten nun auch Gelegenheit neue Unterrichtskonzepte umzusetzen, wie etwa den Sitzkreis oder hufeisenförmige Sitzordnungen. Die Stühle und Tische wurden nun auch den Größen der Kinder angepasst und wurden bequemer.
Mit der wieder erstarkten Reformpädagogik entstand ein neues pädagogisches Konzept: Gruppenarbeit statt Frontalunterricht. Gruppentische waren nun Ausdruck einer Didaktik, die Gruppenarbeit in den Mittelpunkt stellte.
Der erste Schultag ist für jedes Kind etwas ganz Besonderes. Bis 1966/67 war zu Ostern der Beginn des Schuljahres. Danach wurde deutschlandweit die Einschu-lung einheitlich auf den Herbst verlegt. Im Deutschland der Nachkriegszeit war zunächst nicht an Schultüten zu denken. Schultüten gibt es bereits seit 150 Jahren, allerdings nicht als flächendeckenden Brauch. Sie setzten sich erst nach der Währungsreform 1948 endgültig in ganz Deutschland durch und sollten dem Kind den Schulanfang versüßen. Waren sie in den ärmeren Familien mit Nützlichem für den Schulalltag gefüllt, machten sie in den reicheren Familien ihrem Namen als Zuckertüten Ehre. Später kam dann auch Spielzeug als Füllung hinzu.
In der Volksschule wurden die Geschlechterrollen anerzogen. Bereits die Schulranzen waren für Jungen anders als für Mädchen. Bei den Jungenranzen wurde die Lasche unter dem Ranzen mit zwei Schnallen geschlossen. Mädchenranzen hatten eine kurze Lasche, die in der Mitte der Vorderseite mit einer Schnalle geschlossen wurde. Die beiden Träger wurden über die Vorderseite gezogen.
Wenn möglich gab es auch reine Mädchen- bzw. Jungenklassen. Waren die Klassen gemischt, lernten die Mädchen schon früh im Handarbeitsunterricht ihre Rolle als Hausfrau und Mutter. Die Jungen hatten währenddessen Sport, später dann auch Werken. Auch Lehrbücher wurden teilweise nach Geschlechtern getrennt. Auf den weiterführenden Schulen gab es etwa Bücher wie „Physik für Mädchen".
Als die Schulen nach dem 2. Weltkrieg wieder den Unterricht aufnahmen, waren nicht nur die Schulgebäude zerstört, sondern auch Schulmöbel nicht mehr vorhanden und Lehrmittel, Bücher und Hefte entweder eingezogen oder Mangelware. Es herrschte große Papierknappheit, so dass an Schulhefte zunächst nicht zu denken war. Auch weiterhin wurde in den ersten Klassen Tafel und Griffel eingesetzt. Ohne Bücher und andere Lernhilfen war die Lehrkräfte oftmals gezwungen, sich für den Unterricht die Materialien selber herzustellen. Selbst gebastelte Schautafeln, Rechenspiele und gezeichnete Schaubilder bezeugen den Einfallsreichtum der Lehrer.
Zu Beginn der 1950er Jahre kamen dann immer mehr Lehrmaterialien für den Unterricht auf: Rechenstäbchen, Lesetafeln mit Bild und Wort und vor allem die Schautafeln und Wandbilder, die zu allen Themen des Unterrichts eingesetzt wurden. Viele dieser Schautafeln sind ein Spiegel der Gesellschaft und des Alltagslebens um 1960. Die Schulbücher wurden immer bunter und in den 1970er Jahren wurden die Zeichnungen und schwarz-weiß Bilder durch ganzseitige Farbfotos ersetzt.
Immer gab es auch umstrittene Lehrinhalte wie etwa am System der Mengenlehre deutlich wird. Viele Eltern und Lehrer konnten mit dem neuen damit wenig anfangen und protestierten scharf dagegen. Am Spiegel-Titel „Macht Mengenlehre krank?" vom 25.3.1974 wird deutlich wie heftig der Disput inzwischen ausgetragen wurde. Nach langem und heftigem Streit wurde die Mengenlehre dann wieder aus dem Unterricht entfernt, Teile davon sind allerdings immer noch im Mathematikunterricht enthalten.
Aufgrund der obligatorischen Mitgliedschaft jedes Lehrers im nationalsozialistischen Lehrerbund, mussten sich alle Lehrer nach dem Zweiten Weltkrieg einer langwierigen Entnazifizierung unterziehen. Im Rheinland gab es laut Zeitzeugen Ausnahmen. Zunächst herrschte weiterhin der autoritäre Lehrertypus vor, der auch vor Schlägen nicht zurückschreckte.
Die Lehrerausbildung erfolgte aufgrund des Bürgerentscheids für die konfessionelle Bindung der Volksschulen auch wieder in katholischen und evangelischen Pädagogischen Akademien. Sie wurden als klassische „Zehnkämpfer" ausgebildet, lernten also jedes Fach zu unterrichten. Erst später gab es im Rahmen der Verwissenschaftlichung des Unterrichts Schwerpunktfächer im Studium.
Die Junglehrer kamen nach dem Studium oft an einklassige Volksschulen aufs Land. Sie zogen in das jeweilige Dorf und sollten sich im Dorfleben engagieren. Einigen wurde jedoch auch die Enge im Dorf zu viel und ihre Versetzungsanträge hatten aufgrund des Lehrermangels häufig Erfolg. Dies führte oft zu einem häufigen Wechsel des Lehrpersonals an den kleinen Zwergschulen auf dem Land.
Die Ausbildung der Lehrer wurde von den Pädagogischen Akademien an die Hochschulen verlegt. Auch die Rolle des Lehrers veränderte sich: Die distanzierte Respektsperson wurde zum Ansprechpartner in einem engeren Lehrer-Schüler-Verhältnis. Besonders die jüngere, nachrückende Generation brachte neue Ideen und Lehrmethoden von der PH an die Schulen.
In den 1960er Jahren litten die Schulen an großem Lehrermangel. Die Klassenstärken überschritten oft 50 Kinder und so übernahm der Kultusminister von NRW, Prof. Paul Mikat, die Idee der Niedersachsen, bereits im Beruf stehende Menschen durch eine Kurzausbildung zu Lehrern und Lehrerinnen auszubilden. Sie wurden dann später ein wenig herablassend „Mikätzchen" und „Mikater" genannt.
Teilnahmevorrausetzung für den Kurs sollte Abitur oder die Ausübung eines sozialen Berufes nach dem Besuch einer Realschule sein. Nach einem Jahr Kursus, der aus Hospitationen an Schulen und theoretischem Unterricht bestand, gingen die Aushilfslehrer/innen für zwei Jahre an die Schulen, um dort zu unterrichten. Danach hatten sie die Gelegenheit zu einem verkürzten, viersemestrigen Studium, um voll ausgebildete Lehrer/innen zu werden.
Nicht jeder gönnte den Mikätzchen den Einstieg ins Lehrerleben. Vor allem die Kolleginnen und Kollegen waren misstrauisch. Die meisten waren allerdings froh, dass sie entlastet wurden und begrüßten die praxisnahe Ausbildung.
Im Nachkriegsdeutschland waren viele Schulgebäude in den Städten total zerstört. Auch auf dem Land hatten Bomben Verheerendes angerichtet. Die Kinder wurden teilweise in Baracken oder Nissenhütten oder aber auch im Saal der ortseigenen Gastwirtschaft unterrichtet. Waren die Schulgebäude noch intakt gingen die Kinder weiterhin in Schulgebäuden aus der Kaiserzeit in die Schule.
In den 1950er/60er Jahren gab es eine Neubauwelle nach neuen Grundsätzen: Die Schulen sollten leicht erreichbar, möglichst im Grünen und mit Freiflächen umgeben sein. Flachbauten dominierten die frühen 1950er Jahre. In den späten 50ern wurden lichtdurchflutete Fassadenbauten modern.
Aufgrund der enormen Schülerzahlen war man in den 1960ern dazu übergegangen neue Gebäude zu bauen. Durch die Aufgliederung der Volksschulen in Grund- und Hauptschulen litten die neu gegründeten Mittelpunktschulen zunächst an Raumnot. Erweiterungsfähige Pavillons entstanden, teils aus vorgefertigten Bausätzen.
Der Schulweg wurde meist zu Fuß zurückgelegt. Viele Kinder mussten eine ganze Stunde Fußmarsch bei Wind und Wetter bis zu ihrer Schule zurücklegen. Doch dieser Weg wurde meist mit Mitschülern geteilt und am Wegesrand gab es viel zu entdecken. Erst ab der 3. Klasse durften die meisten Kinder mit dem Fahrrad zur Schule fahren.
Mit der Bildung von Schulzentren Ende der 1960er Jahre verlängerte sich der Schulweg und der Schulbus wurde zum Symbol des pädagogischen Fortschritts. Die kleinen Zwergschulen auf den Dörfern wurden geschlossen und große Schulzentren eingerichtet. Sollten die Schulen in den 1950ern noch in verkehrsarmen Gebieten errichtet werden, hatten die Kinder nun oft sehr weite Schulwege. Mit der fortschreitenden Motorisierung wurde Verkehrserziehung in den Unterricht aufgenommen und in vielen kleineren und größeren Städten prägten Schülerlotsen vor und nach der Schule das Straßenbild.
In den 1950er Jahre waren die Lehrinhalte eher durch Restauration als durch Reform geprägt. Nach der Wiederherstellung des dreigliedrigen Schulsystems setzte im Gegensatz zu der späteren Phase der Bildungsreform eher eine Stagnation ein.
Nach Jahren des Wirtschaftswunders und des Aufschwungs zeigte sich, dass das Bildungswesen nicht den Anforderungen der Zeit entsprach. Besonders von Seiten der Wirtschaft und Industrie kam Kritik: Zu viel volkstümliches Wissen, zu wenig Wissenschaft. Geburtenstarke Jahrgänge überfüllten die Schulen. Der Pädagoge Georg Picht sprach gar von einer „Bildungskatastrophe". Das alte starre dreigliedrige Schulsystem bot keine Chancengleichheit im Bildungssystem.
Die Aufnahmeprüfungen für Gymnasien wurden abgeschafft. 1968 wurde die Unstrukturierung der Volksschule in die Grund- und Hauptschule vollzogen. Die Reform der Volksschule brachte eine Vereinheitlichung von Lehrplänen und somit eine höhere Durchlässigkeit der einzelnen Schulformen im gestuften Gesamtmodell. Die Hauptschule wurde zur Pflichtschule. Daneben gab es die Möglichkeit, die Realschule und das Gymnasium zu besuchen.
Die Zwergschulen wurden aufgelöst, Schulzentren entstanden. Mehr Chancengleichheit sollte die Gesamtschule als neue Schulform bieten. Die konfessionellen Schulen traten besonders in den Städten immer mehr zurück.
